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Sicherheit für die WM
Cassius:
Zu den Modellfliegern kann ich mangels Wissen nichts sagen, aber generell mal meine Gedanken zum Problem des Stadionschutzes gegenüber Gefahren aus der Luft:
Erstens
Ich stimme MacFlieger absolut zu, wenn er derartige Veranstaltungen außerhalb von Ballungsgebieten platziert sehen möchte. Das hätte schließlich jede Menge weiterer Vorteile, die noch über das "vereinfachte" Abschiessen von Flugzeugen hinausgehen:
- bessere Sicherheitskontrollen durch überschaubareres Umfeld auch auf dem Boden
- keine derart großen Stadtschäden durch randalierende Idioten
- keine Zusammenbrüche/Beschädigungen des gesamten städtischen Nahverkehrs
- keine so große Belästigung der umwohnenden Bürger
Dennoch wird es in der Praxis nie stattfinden, denn zwei Gründe sprechen dagegen:
- Die Veranstaltungsorte befinden sich zum allergrößten Teil direkt in Ballungsgebieten
- Das ganze ist sowieso nur Kommerzmüll, und das ist letztlich der entscheidende Punkt: Die Städte dürften trotz der entstehenden Schäden durch das reinkommende Geld scharf auf die Veranstaltung sein. Und Geld ist heutzutage der entscheidende Faktor.
Zweitens
Die größte Luftgefahr für das Stadion geht m.E. von gekaperten Passagierflugzeugen aus. Die Abwehr eines solchen Szenarios erfolgt sinnigerweise an den Flughäfen und möglicherweise in den Flugzeugen (durch Flugbegleiter), aber nicht im Umfeld des Stadions.
WENN so ein Flugzeug erstmal gekapert ist und Kurs aufs Stadion hat, wird das erst wenige Minuten oder gar Sekunden vor dem Ziel auffallen, und das Flugzeug befindet sich, wie MacFlieger schon ausführte, über Stadtgebiet. Die Frage "Abschießen oder nicht" würde ich dabei anders als Warlord beantworten: Auch wenn bei einem (nie sicher vorhersagbaren!) Aufschlag im Stadion die Opferzahl vermutlich höher ist als beim Abschuß im unmittelbaren Umfeld desselben, so sprechen doch zwei Gründe gegen den Abschuß: Wer ins Stadion geht, setzt sich bewußt einem erhöhten Risiko aus (und sei es nur das Risiko, wegen eines kaputten RFID-Chips vom nächsten übereifrigen Wachposten erschossen zu werden...) und weiß, daß die Veranstaltung Terroristenziel sein könnte. Die Bewohner der Umgegend dagegen wohnen nur da und sind daher, in meinen Augen, noch schützenswerter. ICH möchte jedenfalls keinen Jumbo auf den Kopf bekommen, nur weil die Sicherheitsbehörden am Flughafen versagt haben und nun ein paar gröhlende Idioten schützen müssen.
Drittens
Ich glaube nicht, daß irgendeine derartige Maßnahme zur Schikanierung dient oder gedacht ist.
Ich sehe für das Modellfliegerproblem als Grund vor allem Aktionismus - der aber m.E. auch keinem schadet. Sollen sie halt ihre Modelle mal ein paar Tage auf dem Boden lassen.
Für viel problematischer halte ich den Einsatz der Armee im Inneren. Nicht konkret, weil er in diesem Fall der Luftraumüberwachung schlimm wäre, sondern prinzipiell, weil damit eine Grenze überschritten wird, die vor einigen Jahrzehnten mit gutem Grund gezogen wurde. Wer erstmal die rechtliche Grundlage für den Einsatz der Armee bei Sicherheitsproblemen im Inneren hat, kann genauso gut irgendwann Panzer durch die Innenstädte rollen lassen, wenn unliebsame Demonstrationen stattfinden etc. Das ist in meinen Augen eine langfristig viel größere Gefahr als der islamistische Terror, der bisher mit konventionellen Methoden genauso gut abgewehrt werden konnte. Ich persönlich würde diesen ganzen WM-Unsinn daher eher komplett abblasen, als derart einschneidende Grundsrechtsänderungen hinzunehmen.
Patrick:
--- Zitat von: Cassius am Februar 13, 2006, 15:13:25 ---Für viel problematischer halte ich den Einsatz der Armee im Inneren.
--- Ende Zitat ---
Da stimme ich Dir zu, wobei sich die Situation seit der Installation des Grundgesetzes und der Aufstellung der Bundeswehr als reine Verteidigungsarmee drastisch gewandelt hat. Ein Angriff auf den Staat aus dem Inneren heraus war damals einfach nicht denkbar. So wie die Aufgaben der Bundeswehr in den letzten Jahren vom reinen Verteidigungs- und Bündnisfall zu weltweiten Einsätzen im Rahmen internationaler Verbände mit entsprechendem Mandat erweitert wurden, muß natürlich auch das veränderte Bedrohungsszenario durch Terroristen oder ähnliche Organisationen berücksichtigt werden. Auf gar keinen Fall darf die Bundeswehr aber für Polizeiaufgaben im Inneren herangezogen werden, es sei denn im Notfall- oder Katastrophenfall, für den es ja schon seit jeher die Amtshilfe gibt. Ich habe aber keine Bedenken, wenn die Bundeswehr Überwachungsaufgaben erfüllt, die die Polizei oder andere staatlichen Organe in dieser Form gar nicht leisten können, so zum Beispiel eben diese Luftraumüberwachung. Im von radneuerfinder genannten Artikel (http://www.heise.de/tr/artikel/print/42892) bei Heise wird ja auch auf die besondere Konstruktion des "Nationalen Lage- und Führungszentrum Sicherheit im Luftraum" (NLFZ) hingewiesen.
Trotzdem muß man die immer wieder unternommenen Vorstöße diverser Politiker aller Couleur, die Bundeswehr als Verstärkung der Polizei im Inneren einzusetzen, mit größtem Argwohn betrachten.
MacFlieger:
--- Zitat von: Cassius am Februar 13, 2006, 15:13:25 ---Erstens
...
Zweitens
--- Ende Zitat ---
Stimme ich beidem zu.
--- Zitat ---Ich sehe für das Modellfliegerproblem als Grund vor allem Aktionismus - der aber m.E. auch keinem schadet.
--- Ende Zitat ---
Genaus so sehe ich es ja auch. Aktionismus. Diese einzelne Aktion schadet auch niemandem, sehe ich genauso. Es ist aber auch nur eine der unwichtigeren Aktionen, die zur "Sicherung des Luftraumes" in den letzten Jahren durchgeführt werden. Das wird immer paranoider.
--- Zitat ---Für viel problematischer halte ich den Einsatz der Armee im Inneren.
--- Ende Zitat ---
Volle Zustimmung. Ich traue denen nicht weiter als ich spucken kann, aus eigener Erfahrung bei der Luftwaffe. Natürlich gibt es solche und solche, aber ich habe genügend solche erlebt.
Das ist doch genau das, was ich sage. Im Zuge einer "Terroristenabwehr" werden immer mehr Grundrechte eingeschränkt, Angst verbreitet und ähnliches.
Florian:
Wenn ich das schon lese: Die paar Modellflieger werden ja wohl mal ein paar Tage auf ihr Hobby verzichten können...
Es geht nicht um Modellflieger oder Hobbies, sondern um die immer weiter fortschreitende Einschränkung unserer Freiheitsrechte. Das das im Zeichen einer kommerziellen Veranstaltung einer hochkorrupten Organisation geschieht, macht die Sache noch schlimmer.
Die WM zeitigt ja noch viele weitere Dinge - das Schäuble nun die Chance sieht seinen zwanzigjährigen Traum vom Einsatz der Bundeswehr im Inland endlich zu verwirklichen, ist schon erwähnt worden. Wer glaubt, daß die Bundeswehr polizeiliche Aufgaben übernehmen sollte, oder das eine sinnvolle Terrorabwehr Stinger-Raketen in Wohngebieten beinhaltet, ist natürlich auch großer Sportfan, sind diese Ereignisse doch schöner Anlass, diese Dinge in die Tat umzusetzen.
Und wie viele Leute sind irrtümlich in der Hooligan-Datei gelandet? Das ist wirklich nicht selten, ich kenne zig Berichte darüber, daß man a) sehr leicht rein kommt und b) kaum je wieder rauskommt, und kann man noch so gut beweisen, daß man nie randaliert hat. Und schon werden einem zur WM die Freiheitsrechte massiv beschnitten.
Diese Präventiv-Hysterie führt aber nicht nur zu solchen Einschnitten, sondern auch zu allerlei Unsinnigkeiten. Es ist überhaupt kein Problem, eine Bombe z.B. in die Allianz-Arena zu schmuggeln und selbst wenn man am Einlass aufgehalten wird - der Selbstmordattentäter zündet dann eben, dort ist eh immer die grösste Menschentraube. Ich würde mal behaupten, bei fast allen Stadien gibt es mindestens fünf Möglichkeiten großen Schaden anzurichten - ein Modellflugzeug braucht man dazu nun wirklich nicht. Perverserweise überlegt man mittlerweile ja selbst schon ständig, wo es wie krachen könnte.
Aber nicht hier wird nachgedacht und gehandelt, lieber verhängt man plakative Verbote, die scheinbar sinnvoll sind, an die sich der Terrorist aber wohl kaum gebunden fühlen dürfte.
Ein wirklich sinnvolles Sicherheitskonzept würde dagegen viel Kleinarbeit erfordern und wäre natürlich wesentlich unspektakulärer.
Am Ende bleibt aber v.a. eine Frage:
Wenn die WM so viel Gefahr bringt, warum holt man sie dann mit viel Geld und Aufwand nach Deutschland? Müssten nicht Beckenbauer und einige deutsche Wirtschaftsgrößen als "Gefährder" betrachtet und überwacht werden?
radneuerfinder:
Abschießen ist nicht, sagt das Verfassungsgericht:
http://sueddeutsche.de/deutschland/artikel/251/70181/print.html
Kommentar von Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung:
http://sueddeutsche.de/deutschland/artikel/299/70229/print.html
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