Von den Tannen saß einsam in seinem Büro und starrte auf die Kameras. Er beobachtete nahezu paralysiert das Treiben auf seiner Insel. Niemals hätte es so weit kommen dürfen. Sie hatten ihn kalt erwischt. Aber wer konnte auch wissen, dass sowohl Gatter als auch Lophoba die Nähe zum Untergrund suchen würden, wenn er sie erst mal am Schlafittchen packte? Jetzt war es passiert. Damit sein Gesicht gewahrt blieb, sprach er Gatter wieder alle Bürgerrechte zu, außer dem des Reisens. Gatter musste bis zum Ende der Verhandlungen auf der Insel bleiben. Vielleicht gab es ja noch eine Möglichkeit. In seinem Kopf liefen immer wieder die gleichen Szenen ab. Lophoba, dieses Aas!
Einige Stunden zuvor.
„Herr Minister, da ist Frau Lophoba und, äh, verlangt, euch zu sprechen“, säuselte die Fistelstimme seines Bürovorstehers an sein Ohr. VdT überlegte kurz. In ihm brodelte es noch von der Aktion, die sie für Gatter aufgefahren hatte. Das große Liebespaar. Der treue Freund seit Jahren, brav war er und immer fürsorglich und gut zu ihr. Ihm wurde übel. Eine solche Demonstration von Lügen war selbst ihm noch nicht untergekommen. Und dann war da noch sein Spion, der die Sachlage aufklären sollte und Hals über Kopf die Insel verließ. Unerklärlich. „Sie soll kommen“, plärrte er zurück.
Sie tänzelte beschwingt, eine Damenhandtasche umgehängt, in das Büro uns setzte sich ohne Umschweife an seinen Tisch. Dann zog sie eine Serviette aus ihrer Tasche, breitete diese säuberlich und akkurat auf dem edlen Holz vor ihr aus, um einige leckere Kekse darauf zu legen. Sie schaute auf: „Wir wollen doch keine Flecken machen, nicht war?“ Von den Tannen hatte die Prozedur geduldig angesehen. „Was willst du?“, blaffte er sie an. Lophoba lächelte kalt. Das hatte er an ihr noch nie gesehen. Alles dümmliche Getue der einstigen Schönheitskönigin war mit einem Male von ihr abgefallen.
„Lass Willie frei.“, sprach sie ihre Forderung klar und deutlich aus, „Außerdem wirst du uns in Zukunft in keiner Weise behelligen. Das alles hier, die Verhaftung, die Anklage, unsere Gegenwehr und dieses Gespräch heute, wird aus sämtlichen Aufnahmen und Protokollen deines Ministerium gelöscht. Auch aus deinen privaten Unterlagen. Kein Spion wird uns jemals wieder beschatten. War das deutlich?“, schloss sie ihre Ansprache.
Es dauerte einige Sekunden, dann passierte das Unmögliche. Von den Tannen brach in schallendes Gelächter aus. Tränen liefen von seinen Wangen und er konnte sich vor Lachen kaum auf dem Stuhl halten. Sie schaute ihn weiterhin ausdruckslos und kalt an. Als er sich nach Minuten nicht beruhigen wollte, öffnete sie ihre Tasche, und grade als er dachte, sie würde einen Keks hervorholen, zog sie eine Apfeldiskette in ihrer Hand aus den Tiefen der Damenhandtasche. Der Lachanfall des Ministers erstarb in seiner Kehle.
„Was ist das?“, zischte er sie an. Sie blickte ihm voller Triumph in die Augen: „Das, Herr Minister, ist unsere Lebensversicherung. Ich lasse sie dir hier. Nach dem ich gegangen bin, darfst du dir das ruhig anschauen. Wenn dir dann immer noch der Sinn nach Lachen steht, bitte.“ Mit diesen Worten legte sie die Diskette auf den Tisch, drehte sich um und schritt zur Tür, ohne ihn auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen. Er griff danach und schaute lange auf die Beschriftung. Jockel, Mief, VdT – Last lecture – stand in großen Lettern auf dem Umschlag.
Er hörte das Lachen seiner Eltern. Miefs Vater, der alte König erzählte einen Witz über seinen Jungen. Irgendwo dazwischen wieherte auch Jockel Eisigs Vater. Beim großen Apfel! Plötzlich erschien die Küste der Apfelinsel im Bild. Der König kündigte nun das Ritual einer jeden Fahrt an, die mit dem ersten U-Boot, das die Insel mit den Auswanderern erreicht hatte, vorgenommen wurde. Es ging darum, symbolisch die Insel zu erreichen. Teil des Rituals war es, die Apfelinsel bei der Abfahrt auf Video zu bannen. Und der Teufel hatte dieses Video persönlich aufgenommen.
Die Kamera fuhr ganz nahe an die Küste heran. Jedes Detail war zu erkennen. Auch die drei pickligen Jugendlichen, die dort auf der Klippe standen. Sie zeigten auf das Schiff und konzentrierten sich scheinbar auf etwas. In ihren Händen hielten sie jeder einen kleinen Kasten. In seinen Gedanken tauchten die Erinnerungen an damals auf. Hart und unbarmherzig:
Am 01. April, der Jahrestag der Besiedlung durch die U-Boot Crew und Passagiere, nahmen alle drei ihren iSAAC in die Hand und warteten geduldig, bis ihre Eltern gemeinsam die Fahrt auf dem Schiff antraten. Traditionell waren keine Kinder auf dem Schiff erlaubt. So standen die Drei auf der höchsten Klippe der Apfelinsel, schauten zu wie das Boot auf Tauchfahrt ging und drückten dann alle zeitgleich einen Knopf auf den iSAACs. Die Newtonschen Konzepte „absolute Zeit“ und „absoluter Raum“ wurden geringfügig verändert. Absolut keine Zeit, absolut kein Raum. In ihrem Sinne hatten die drei jetzt neuen Machthaber der Apfelinsel lex prima ausgehebelt, sich dabei lex secunda und lex tertia bedient. Am Ende blieb nur lex quarta übrig. Auf einen Punkt wirkende Kräfte addieren sich vektoriell zu einer Kraft. And boom. It‘s that easy!
Hatte der Satz “Meide das Büro des Ministers” ab heute keinen Bestand mehr?