All den Unkenrufen der Analysten, Kleinweich könnte während der Abwesenheit seines Vorstandsvorsitzenden Willy Gatter auf der Entwicklerkonferenz Soft-Dev keine Hits landen, stellte das Unternehmen eine klare Vision entgegen.
Vizepräsidentin Karolin Apfelblum präsentierte den begeisterten Programmierern das Projekt Schäfchenwolke™. Diese sei der Anfang vom Post-Device-Zeitalter. Die neue Technik synchronisiert alle authorisierten Chips der Benutzer über das Kleinweich-Datenzentrum in Nord-Charlotte.
Nicht nur könnten so Brainchips alle Daten aller anderen implantierten Chips einsehen und abgleichen, man könne die Datenbestände auch zwischen verschiedenen Benutzern synchron halten.
Die Szenarien seien vielfältig: Zum Beispiel hätten Eltern mehr Kontrolle über die Messergebnisse ihrer Kinder. Paare könnten automatisch erkennen, welche Zustände im limbischen System der oder des Anderen herrschen. Und Arbeitgeber identifizierten schon im Einstellungsgespräch die Neuro-Reaktion auf ihre Fragen – natürlich nur nach Einwilligung des Bewerbers.
Für behördliche Ermittlungen ist das System noch nicht zugelassen. Man schließe nicht aus, dass das HFS+ sich interessieren könnte, momentan sei die Genauigkeit aber noch nicht ausreichend. Auch eine Kompatibilität mit dem Caruso-Chip sei momentan aufgrund fehlender Dokumentation dessen Schnittstellen der Firma nicht möglich.
Der Service ist kostenlos, der Speicherplatz wird auf acht Terabyte beschränkt, was je nach Dateiart unterschiedliche Archivgrößen zulässt. Dank innovativer Komprimierung seien z.B. Seh-Archive von 14 Tagen möglich, natürlich in Retina-Auflösung und 3D, inklusive Audiospur, optional auch mit Untertiteln. Neuronale Zustände werden in der offenen Beschreibungssprache iKnowU abgelegt und als Wiederholung rückgestreamt oder versendet werden können. Das Format erlaubt auch den Export auf zahlreiche Geräte, etwa den Gefühlsvisualisierer Brainstrip4all.
Es werden keine Werbebotschaften im Hirn kreiert oder in Sehnerven-Implantate eingespult. Motorische Verstärker allerdings können, sofern der Benutzer zugestimmt hat, bei Hungergefühlen sofort das nächste Restaurant von Werbepartnern ansteuern. Weitere Leitmodule sind nachrüstbar.
Interessierte Benutzer können sich ab sofort registrieren, der Dienst wird aber erst im Herbst online gehen. Man kann jederzeit mit einer Frist von drei Jahren kündigen. Diese lange Vertragslaufzeit sei investitionsbedingt.
Herbe Kritik kam von Vertretern der Musik- und Filmindustrie. Der Raubkopiererei würde Vorschub geleistet, wenn man einen Film komplett mit den eigenen Emotionen beliebig oft ins Hirn spulen könne und sogar in andere. Kleinweich kommentierte dies nur indirekt: Auf der Keynote meinte Apfelblum scherzhaft, sie habe schon lange keinen Film mehr gesehen, die sie noch einmal hätte sehen wollen. Nach den kritischen Reaktion allerdings sagte sie, man sei offen für neue Urheberrechtsmodelle.
Dem Königlichen Kurier übergab Kleinweich eine Einpersonen-Testsuite aus achtzehn verschiedenen Chips, Implantationsdruckspritze und einem Zugangspasswort zum Schäfchenwolke™-Dienst. Dieses Kit wird es zum Launch zum Vorzugspreis geben.
Wir werden das System in den nächsten zwei Wochen auf Herz und Nieren testen.